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Pioneer A-757

HiFi Reparatur und Service

Normalerweise repariere ich Pioneer-Geräte eher selten. Dafür gibt es so einige Gründe, grundsätzlich sind aber auch generell nur noch wenig hochwertige Pioneer-Geräte übrig, bei denen sich ein Service bzw. Reparatur überhaupt lohnt.
Von einem Landsmann ums Eck habe ich eine Anfrage bekommen ob ich mich nicht um seinen A-757 kümmern kann.
Scheinbar ist er von dem in den „Foren“ bekannten Problem betroffen, das die Lautsprecherrelais sehr lange brauchen um anzuziehen.
Bei dem A-757 handelt es sich neben dem A-858 aufjedenfall um einen der besten Stereoverstärker die Pioneer je gebaut hat.

Der A-757 wurde lt. ServiceManual ab 1989 gebaut und war mit Pioneer typischer (unnötig komplizierten) Technik versehen. Der massive Bolide verfügt über 2 massive Transformatoren bei welchen jeweils das äußere Ende der Sekundärwicklung auf Masse liegt. Somit erzeugt jeweils ein separater Trafo die positive bzw. negative Versorgungsspannung.

Während die Endstufen direkt mit dieser Spannung versorgt werden, werden für die Vorstufe und restlichen Steuerkreise mehrere eigene Spannungsregulierungen über eine Darlingtonstufe, Längsregelung sowie über klassische Stabi-ICs verwendet.
Der Ruhestrom der Endstufentransistoren wird vollautomatisch über Hybrid-ICs geregelt. Eine Justage ist nicht möglich, und der „Dauergrill-Modus“ bei diesen Modellen völlig normal.

Von oben sieht der A-757 sauber aufgebaut aus. Die technischen Daten sind vielversprechend und auf den ersten Blick macht der Verstärker einen tollen Eindruck.
Was oben gut angefangen hat, spiegelt sich wohl in umgekehrter Reihenfolge in der Unterseite wider.

Kabelsalat ala Pioneer vom feinsten.
Beim Design der Unterseite musste der Ingenieur wohl schon dringend nach Hause und hat es bevorzugt am Ende einfach mit der Walze über die Bodenplatte zu fahren bis alles schön ins Gerät gequetscht wurde 😉 Pioneer-Typisch eben

Beim Test des Geräts ist der angegebene Fehler sofort vorhanden – Das Relais für die Lautsprecher zieht nicht an. Eine kurze Messung an den Endstufen – hier sieht alles OK aus, keine Gleichspannung liegt an, somit gibt es zumindest keinen Messtechnischen Grund am Ausgang, weswegen das Relais nicht anziehen sollte.

Also werfen wir einen kleinen Blick auf den Protect-Schaltkreis.

Hier wird mit Q144 und Q145 eine Art Schmitt-Trigger verwendet um das Relais letztendlich über Q145 anzusteuern. Q143 soll in diesem Fall beim Abschalten des Geräts den Schmitt-Trigger deaktivieren um das Relais abfallen zu lassen, bevor die Versorgungsspannung zusammenbricht und es zu etwaigen ploppen in den Lautsprechern kommt.
Da der Schmitt-Trigger messtechnisch völlig „Tot“ ist, schau ich mir die über J14 Pin 3 von der Netzteilplatine generierte Referenzspannung genauer an.

Kann mir kaum vorstellen das die Spannung dem „Soll“ entspricht und gesund für einen solchen Schaltkreis ist. mit 100Hz sieht das verdächtig nach einer fehlerhaften Glättung aus.

Im Netzteil soll diese Spannung von C611 über die 3,3uF geglättet werden.
Da dies offensichtlich nicht stattfindet, ist es naheliegend das hier ein Problem mit dem Elektrolytkondensator vorliegen könnte – also wird dieser kurzerhand zur Prüfstelle gebeten.

Die Kommentare zum Ausbau der Netzteilplatine möchte ich mir an dieser Stelle gerne sparen 🙂 – jedoch ist die Anordnung und Konstruktion des ganzen Netzteils fehlerhaft. Die Hitze der Längsregler staut sich an der Stelle vollständig, da die Platine Kopfüber im Gerät hängt und keinerlei Lüftungsschlitze in der Platine vorgesehen sind.

Der Elko hat jedenfalls seine beste Zeit hinter sich. 0,26uF von 3,3uF sind noch vorhanden – das ist dann doch leicht unterhalb der 20% Toleranz 🙂

Sobald man das Netzteil ausgebaut hat, und die dazugehörigen Printstecker betätigt um die Flachkabel zu entfernen, ist ein Nachlöten sämtlicher Printstecker notwendig.

Nachdem der Elko getauscht wurde klackt auch direkt nach dem Einschalten des Verstärkers das Relais. Hurra! Das ging ja einfach – Na dann wollen wir mal die Lautsprecher anschließen und ganz gespannt lauschen was uns der Pio zu sagen hat.
Vorsichtig dreh ich den Lautstärkeregler weiter und weiter bis aus dem linken Lautsprecher ein leichtes krächzen zu vernehmen ist…. Hmmm… Ich dreh weiter und weiter und siehe da – es knistert etwas und plötzlich ist dann doch aus beiden Lautsprecher Musik zu hören. Das riecht sehr stark nach Lautsprecherrelais-Kontakte! Jedenfalls kann man das so nicht lassen – Ich halte Ausschau nach den Lautsprecherrelais… (Hätte ich das mal bloß nicht getan…)

Das Relais befindet sich gut umhüllt, direkt auf der Ausgangsplatine mit den Lautsprecheranschlüssen. Auslöten ohne das ganze Ding auseinander zu nehmen??? Fehlanzeige! – Bitte Pioneer – was habt ihr euch dabei gedacht? Das eure verbauten Relais für immer halten?
Was solls – es bleibt mir ja nicht erspart… Ich schwing meinen Schraubendreher und entferne gefühlte 256 Schrauben der Rückplatte. Nachdem noch diverse Widerstände vom Gehäuse zur LS-Platine abgelötet wurden, kann diese mit ein paar Tricks rausgezogen werden.

Kaum zu glauben aber Wahr – selbst die Lautsprecheranschlüsse müssen noch ausgelötet werden um die Relais für einen Ausbau freizulegen!

Letztendlich kommen wir aber doch noch ans Ziel und können die Relais ausbauen.
Meine Vermutung bewahrheitet sich auch hier – die Kontakte haben diverse Brandspuren und sind bei kleinen Stromfluss hochohmig.

Die Kontakte werden vorsichtig poliert und anschließend mit speziellem Kontaktmittel behandelt.

Perfekt – die Relais sind wieder fit für den Einbau.

Nach dem Einbau der Platine und der Remontage des Geräts schließ ich endlich wieder die Lautsprecher an.
Ich betätige den Power-Knopf, das Relais klickt aber diesmal ertönt ein lauter Knall in den Lautsprechern der alles andere als „Normal“ ist.
Ich wiederhole das ganze nochmal – es ertönt beim Einschalten jedes Mal ein lauter Plopp in den Lautsprechern in dem Moment wo das Relais anzieht.
Eine kurze Messung mit dem Oszilloskop zeigt im Einschaltmoment auch eine relativ hohe Gleichspannung an den Lautsprecherausgängen, welche aber dann rasch abnimmt.

Hier ist irgendwas absolut faul – Allerdings nicht (wie die meisten nun vermuten würden) in der Endstufe, sondern vielmehr in der Relaisansteuerung!
Mir ist vorhin schon aufgefallen das dass Relais sehr schnell anzieht.
Ich hänge mich mit dem Oszilloskop auf den Kondensator des Schmitt-Triggers und Messe dort die Spannung während des Einschaltprozess.

1.17 Sekunden vom Einschalten bis zum Erreichen der Triggerspannung für den Relaistreiber… Wer Ahnung von Endstufen hat weiß an dieser Stelle – das kann nicht normal sein!
Eine Transistorendstufe dieser Komplexität benötigt deutlich mehr Zeit bis sich alle Arbeitspunkte stabilisiert haben. Sofort nach dem Einschalten ist es mitunter ganz normal das noch ein gewisser Gleichspannungspegel am Ausgang anliegt – nur darf eben das Relais keinesfalls anziehen! Genau das passiert aber in diesem Fall.

Also such ich erstmal die 3 Transistoren auf der Endstufenplatine, welche primär für die Steuerung des Relais zuständig sind (Q143, Q144, Q145).
Hier sticht direkt ins Auge, das wohl schon jemand anders vor mir am Werk war.
Lt. ServiceManual sollte Q143 ein 2SA1115 sein. Verbaut ist aber irgendein lustiges Teil mit dem Aufdruck A93. Offensichtlich hat nicht mal die Pin-Reihenfolge dem japanischen Standard entsprochen, so musste man kurzerhand die Beinchen ein wenig verbiegen um den Transistor passend zu machen.

Scheinbar brachte diese Bastelarbeit aber nicht wirklich den gewünschten Erfolg, und es wurde an der Unterseite der Platine zwischen Basis von Q143 und Basis von Q144 ein 15k Widerstand eingebaut.

Ich vermute stark, dass damit das eigentliche Problem der fehlenden Glättung aufgrund des defekten Elkos im Netzteil kaschiert worden ist. Durch den Widerstand und den daraus resultierenden niedrigeren Gesamtwiderstand im Zusammenspiel mit R218, konnte sich der Elko schneller laden bzw. überhaupt erst die Triggerspannung erreichen.

Dem Verschmutzungsgrad nach, wurde diese „Modifikation“ wohl schon vor einigen Jahren vorgenommen – Schade das scheinbar auch schon vor Jahren Pfusch am Bau gab.

Leider habe ich keinen 2SA1115 lagernd, der 2SA1015 ist aber sehr ähnlich – einzig der maximale Kollektorstrom mit 150mA etwas niedriger, das spielt aber an diesem Einsatzort keinerlei Rolle.

Nach dem Einbau des Transistors und dem Entfernen des 15K-Widerstands sieht die Ladekurve des Elkos im Schmitt-Trigger schon viel schöner aus!

In knapp 7 Sekunden hat sich der Arbeitspunkt der Endstufe perfekt stabilisiert und es kommt zu keinem Ploppen mehr in den Lautsprecher, wenn das Relais anzieht.

Sehr schön!

Als letztes fällt noch auf, dass die Power-LED ziemlich schwach leuchtet.

Die Schaltung der LEDs bei dem A-757 ist ungefähr so komplex wie die Quantenphysik lang ist. Der Ingenieur welcher diese Schaltung entworfen hat, träumt vermutlich 30 Jahre später noch immer davon. Wird nur eine LED aus der Schaltung entfernt, leuchtet keine einzige mehr. Ist ja fast so wie einer herkömmlichen Lichterkette…
Für das ganze wird noch eine Konstantstromquelle verwendet, welche über Q603 im Netzteil geregelt wird.
Im Netzteil selbst lässt sich aber kein Fehler finden, auch nach Prüfung aller Flachbandverbindungen lässt sich kein Problem feststellen. Also bleibt wohl nur der Ausbau der Frontplatte. Diese Entscheidung kostet allerdings viele Nerven und man macht sich Gedanken darüber, was man eigentlich falsch im Leben gemacht hat.

Selbstverständlich müssen hierzu sämtliche Regler abgeschraubt werden, und die Muttern entfernt. Da diese schön tief drin sitzen, ist das nur mit einem speziellen Ringschlüssel möglich.

Nachdem man nun die ganzen Schalter, Regler, Wellen, Schrauben, Buchsen ausgebaut hat, erhält man nun auch Zugang zu der Frontplatine

In diversen Foren kursiert ja die Info, das der Tausch der 1uF Elkos eine Besserung bringen sollte – ich wüsste aber nicht was dies Schaltungstechnisch für einen Hintergrund haben sollte, insofern die Elkos nicht gerade einen Kurzschluss haben.
Eine Messung an der LED selbst zeigt im Vergleich zu den anderen (sehr viel helleren leuchtenten LEDs) nämlich die absolut selbe Spannung.
Somit bleibt im Umkehrschluss eigentlich nur eine einzige Erklärung übrig: Die LED selbst muss das Problem sein.

Das lässt sich auch ganz leicht nachvollziehen – die Power-LED wird kurzerhand ausgelötet, sowie eine andere noch hell leuchtende LED. Lt. Teileliste sind überall dieselben LEDs verbaut.
Das Labornetzteil wird – wie es auch die Konstantstromquelle macht – auf exakt 19mA eingestellt.

originale Power-LED
originale LED (in dem Fall die „Loudness-LED“ zum Vergleich

Ich denke, der Unterschied ist auch von einem Laien einfach zu erkennen.
Also wird hier einfach eine neue LED eingebaut – es handelt sich um ganz normale Standard LEDs.

Anschließend wird die Frontplatine wieder in die Frontplatte eingebaut, und die ganzen Schalter, Regler, Buchsen etc. wieder darin verbaut. Spätestens das ist der Moment, wo man sich wünscht einfach Straßenkehrer geworden zu sein.
Aber was tut man nicht alles für ein bisschen Licht…

Somit ist eine doch ziemlich langwierige Reparatur abgeschlossen.

Der Pioneer verrichtet seine Arbeit nun wieder so wie er soll – Der linke und der rechte Kanal arbeiten einwandfrei bei einem THD von lediglich 0,002%

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